Ordnung ist kein Charaktermerkmal: Warum Deine Wohnung nichts über Deinen Wert aussagt

Ordnung ist eine Fähigkeit, kein Charaktermerkmal

Kennst Du die Panik, wenn sich spontan Besuch ankündigt und Du wie von der Tarantel gestochen Wäscheberge unter das Bett schiebst und das dreckige Geschirr im Backofen versteckst, damit die Wohnung halbwegs vorzeigbar ist? Und selbst, wenn tatsächlich Ordnung herrschte, wartest Du insgeheim nur darauf, dass Deine Gäste doch noch etwas zum Beanstanden haben.

Wenn Dir das bekannt vorkommt, bist Du nicht alleine. Für viele Spätdiagnostizierte ist ihr Zuhause kein Ort zum Wohlfühlen, sondern ein Ort, der permanent beweist, dass sie ihr Leben noch immer nicht im Griff haben.

Ich möchte Dir eine andere Perspektive anbieten. Keine, die sofort alles leichter macht; aber eine, die Dir hilft, Dich Stück für Stück besser zu fühlen, wenn es bei Dir im Haushalt wieder drunter und drüber geht: Eine unaufgeräumte Wohnung ist kein moralisches Versagen. Dein Haushalt ist lediglich der Ort, an dem Du lebst – kein Zeugnis Deines Charakters.

Warum wir Sauberkeit mit unserem Wert verwechseln

Von klein auf wird uns direkt und indirekt vermittelt, dass ordentliche Menschen ihr Leben im Griff haben: Wer fleißig und strukturiert seinen Tag gestaltet und Unordnung direkt wieder wegräumt, ist moralisch integer und macht alles richtig. Im Umkehrschluss heißt das, wer ständig Dinge verlegt oder Unordnung nicht beseitigt, ist faul und will es gar nicht besser machen. Wenn aber Ordnung als Willensentscheidung dargestellt wird, kann Unordnung nur das Ergebnis von Charakterschwäche sein. Die Person will ja offenbar schlampig leben, ansonsten würde sie es ja besser machen.

Besonders auf Frauen lastet dabei noch historisch bedingt der enorme Erwartungsdruck doch bitte den Haushalt der ganzen Familie zu schmeißen, ohne dabei in Schweiß auszubrechen oder gar die gute Laune zu verlieren. Die Werbung für Frauengold aus den 50ern hat deshalb auch heute noch einen verdammt bitteren Beigeschmack, denn die Anspruchshaltung hat sich in den letzten 70 Jahren erschreckend wenig geändert. Diese Moralisierung von Hausarbeit ist in sich schon problematisch genug. Für Frauen mit ADHS wird es dadurch aber noch einmal schwerer.

Und nein, das heißt nicht, dass Männer mit ADHS es einfach haben. Aber die Erwartungshaltung, was einen ordentlichen Haushalt angeht, ist Frauen gegenüber im gesellschaftlichen Mittel noch immer höher.

Scheiterst Du heute immer wieder an vollen Wäschekörben, Papierstapeln oder dem Chaos in der Kühe, entsteht deshalb eine gefährliche Spirale, die sich immer tiefer in Dir festsetzt:

Unordnung → Scham → Gefühl von Versagen → Lähmung → noch mehr Unordnung

Wir beginnen Stück für Stück, Ordnung mit unserem Selbstwert gleichzusetzen. Aber lass uns das einmal nüchtern betrachten: Hausarbeit ist schlichtweg eine logistische Arbeit, nicht mehr und nicht weniger. Eine dreckige Tasse macht Dich ebenso wenig zu einem schlechten Menschen, wie eine aufgeräumte Wohnung Dich zu einem guten Menschen macht.

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Ordnung halten ist eine Fähigkeit, keine Charaktereigenschaft

Lass Dir diesen Satz bitte noch einmal durch den Kopf gehen:

Ordnung halten ist eine Fähigkeit. Keine Charaktereigenschaft.

Der Unterschied klingt vielleicht kleinlich, ist aber entscheidend. Ein Charakterzug ist etwas, das Du “bist“. Eine Fertigkeit ist etwas, das Du trainieren kannst, um besser zu werden.

Genau das ist Ordnung: eine Fähigkeit, die aus vielen kleineren Fähigkeiten besteht. Dazu gehören planen, priorisieren, anfangen, dranbleiben, wieder von vorne anfangen, wenn es aus dem Ruder gelaufen ist. Und davon fällt uns Menschen mit ADHS auch noch vieles schwerer als neurotypischen Menschen.

So wie Du Deinen Aufschlag beim Tennis nur durch Training, die richtige Technik und passende Ausrüstung verbesserst, wird auch Deine Fähigkeit Ordnung zu halten nur durch das passende System besser. Es ist vollkommen normal, etwas am Anfang noch nicht gut zu können und nur durch Üben besser zu werden. Und ohne die richtige Technik nützt alles selbst üben nichts.

Wenn Ordnung halten eine Fähigkeit ist, ist es logisch, dass es Tage gibt, an denen diese Fähigkeit gerade nicht abrufbar ist. Jeder Sportler wird Dir bestätigen, dass es gute und schlechte Tage gibt, und dass man individuelle Wege finden muss, um zum Beispiel in einem Turnier auch an nicht so tollen Tagen die nötige Leistung abrufen zu können.

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Exekutive Dysfunktion: Was der Haushalt für ein ADHS-Gehirn wirklich bedeutet

Für Menschen mit ADHS ist Haushalt nicht einfach nur Haushalt. Für uns ist es sehr oft eine gefühlt gigantische Ansammlung von Aufgaben, gegen die der Mount Everest winzig wirkt. Das hängt sehr stark mit den exekutiven Dysfunktionen zusammen.

Kurz erklärt: Exekutive Funktionen (oder Exekutivfunktionen) sind kognitive Prozesse des Gehirns, die das Verhalten steuern und uns so in unserer Umwelt bewegen und Ziele verfolgen lassen. Dazu gehören zum Beispiel Impulskontrolle, die Fähigkeit Deine Aufmerksamkeit zu steuern, das Arbeitsgedächtnis, aber auch das planen, initiieren und koordinieren von Handlungen oder die Zeiteinschätzung.

Du ahnst an dieser Stelle wahrscheinlich schon, weshalb man bei uns Menschen mit ADHS von Dysfunktionen spricht, oder? 😉

All diese exekutiven Funktionen sind wichtig, um Dinge wie den Haushalt gut zu meistern. Wenn sie aber nicht so funktionieren wie bei den meisten anderen, können wir logischerweise Aufgaben nicht so erledigen wie die meisten anderen. So etwas wie “Küche aufräumen“ ist dann auf einmal eine unglaubliche Herausforderung.

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Erklärungen sind keine Ausrede

Das ist keine Entschuldigung und auch kein Freifahrtschein, nie wieder etwas zu ändern. Es ist eine Erklärung, weshalb Du zwar weißt, dass etwas getan werden muss, aber es trotzdem einfach nicht schaffst anzufangen. Oder weshalb Du mitten in einer Aufgabe plötzlich aufhörst und etwas ganz anderes machst (und dann am Ende überfordert zwischen fünf halbfertigen Projekten stehst).

Und deshalb funktioniert auch “reiß Dich einfach mal zusammen“ nicht. Denn das Problem ist nicht, dass Du es nicht stark genug willst, sondern dass Dein Gehirn dabei vor einer ganz anderen Aufgabe steht als das einer neurotypischen Person.

Mit dieser Erklärung kannst Du Dich lösen von “ich bin halt einfach so“. Sie zeigt Dir, wo Du ansetzen kannst, um Wege zu finden, die für Dein Gehirn funktionieren. Du würdest von einem kurzsichtigen Menschen nicht erwarten, ohne Brille genauso gut zu sehen wie ein normalsichtiger Mensch. Wieso sollte dann eine neurodivergente Person ohne passende Systeme Aufgaben genauso gut erledigen können wie eine neurotypische Person?

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Noch mehr Hürden für die Ordnung

Neben den exekutiven Dysfunktionen tragen auch andere Dinge, die einem häufig bei ADHS begegnen, zum Chaos in der Wohnung bei.

Out of sight, out of mind

Was wir nicht mehr sehen, wird vergessen. Deshalb neigen wir dazu, uns überall Erinnerungen zu hinterlassen: Klebezettel, strategisch platzierte Gegenstände, einfach alles. Das Problem ist, dass durch den Versuch, zu viele Dinge im Blick zu behalten, noch mehr Unordnung entsteht. Am Ende sehen wir vor lauter Erinnerungsstützen gar nicht mehr die eine, auf die es gerade wirklich ankommt.

Reizüberflutung

Ist das Chaos erst einmal da, ist es schnell zu viel für uns. Wir sehen nicht die Küche, die mal wieder aufgeräumt werden sollte, sondern ungefähr 30 Aufgaben oder mehr: Mülleimer ausleeren, Spülmaschine einräumen, Arbeitsfläche abwischen (und dafür erst einen Lappen aus dem Abstellraum holen), Fenster putzen (und dafür das nötige Material herholen), Schubladen neu sortieren, Schrankfronten abwischen, Kühlschrank aufräumen, Gefrierschrank abtauen…

Unser Gehirn blockiert, weil es nicht weiß, wo es anfangen soll. Am Ende des Tages haben wir nichts geschafft und fühlen uns schrecklich, und dabei haben wir ausgehalten, dass unser Kopf im totalen Ausnahmezustand ist.

Dopaminmangel

“Dopaminmangel“ ist eine starke Vereinfachung der biochemischen Abläufe im ADHS-Gehirn, aber ich halte es kurz. Versprochen! Also: Wir haben nicht weniger Dopamin als neurotypische Menschen, aber es wird a) schneller abgebaut oder abtransportiert. Korrekter wäre also “ein Mangel an normal verfügbarem Dopamin“.

Unabhängig davon, wie genau man es bezeichnet, ist die Auswirkung bekannt: Antriebslosigkeit, Impulsivität oder Hyperfokus auf in dem Augenblick spannende Tätigkeiten. Nichts davon ist irgendwie hilfreich in der alltäglichen Hausarbeit.

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Der innere Anker: So trennst Du Deinen Selbstwert von Deiner Wohnung

Damit es Dir gelingt, Deinen Wert nicht am Zustand Deiner Wohnung festzumachen, brauchst Du einen inneren Anker, der Dich hält. Ok, das klingt jetzt größer als es ist. Es geht hier nicht um ein weltbewegendes riesiges Glücksprinzip, sondern kann etwas ganz Einfaches sein. Zum Beispiel ein einfacher Satz, den Du Dir bewusst vorsagst, wenn der Blick auf den Wäscheberg Dich gerade runterzieht:

  • “Ich bin wertvoll, auch wenn mein Schreibtisch gerade nicht aufgeräumt ist.”
  • “Ich bin gut so wie ich bin, auch wenn meine Energie heute nur für das Nötigste reicht.”
  • “Ich bin nicht meine unordentlichen Schubladen. Ich bin nicht der Wäscheberg. Ich bin ein Mensch mit einem Gehirn, das anders tickt  –  und ich verdiene es, mit Geduld statt Verurteilung behandelt zu werden.”

Das klingt vielleicht im ersten Moment wie ein Tropfen auf einem heißen Stein. Und anfangs fühlt es sich wahrscheinlich auch so an. Aber durch Wiederholung wird es besser, versprochen. Du glaubst mir nicht? Dann hilft vielleicht dieses Beispiel:

Wenn Du als Kind auch von vielen Gleichaltrigen abgelehnt wurdest, weil Du zu anders warst, hat nicht ein einzelner Kommentar den Glauben in Dir gefestigt, dass Du das Problem bist. Es war die permanente Wiederholung durch Deine ganze Kindheit und Jugend hindurch.

Sehr ähnlich ist es jetzt mit den positiven Sätzen. Einmal aufgesagt wird so ein Satz nicht ausgleichen, was sich über sehr viele Jahre aufgebaut hat. Aber wenn dieser positive Satz immer wieder wiederholt wird, dann baust Du daraus etwas verdammt Gutes für Dich auf.

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Fazit: Dein Zuhause dient Dir, nicht Du Deinem Zuhause

Und das fasst eigentlich schon alles zusammen. Ein unaufgeräumtes Zuhause ist kein Beweis für Dein Versagen oder einen schlechten Charakter. Wenn, dann beweisen höchstens die Menschen, die Dich für Unordnung kritisieren, statt mit Dir gemeinsam Lösungen zu finden, was für einen Charakter sie haben. Und da fällt mein Urteil nicht allzu positiv aus.

Chaos als Dauerzustand ist lediglich ein Zeichen dafür, dass Dein aktuelles Haushaltssystem nicht zu Dir passt. Dich von diesen Ansprüchen zu lösen und den Perspektivwechsel zu schaffen, einen funktionalen Haushalt statt einem perfekten Haushalt anzustreben, ist gerade am Anfang schwer. Aber glaube mir, wenn ich Dir sage, dass das die Mühe auf jeden Fall wert ist. Denn Du verdienst ein Zuhause, das Dein sicherer Hafen ist, egal wie andere es bewerten.

Dieser Gedanke, dass Ordnung eine Fähigkeit ist und keine Charakterfrage, ist die Grundlage von dem, was ich hier mit Dir teilen möchte. Ich will Dir helfen, Stück für Stück ein System zu finden, das für Dich funktioniert. Und zwar mit Deinem Gehirn, nicht dagegen.

Wenn Du nichts verpassen willst: Ich bin auch auf Instagram unterwegs. Dort gibt es kürzere Häppchen, ehrliche Einblicke und fundiertes Wissen aus der Welt der Neurodivergenz. Und jeden Sonntag gibt es einen “Klischee-Check“, um Dir von frech bis ernsthaft die passende Antwort für “heute hat doch jeder ADHS“ und ähnlichen Blödsinn an die Hand zu geben.

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