Du hast es geschafft: Das ewige Herumtelefonieren, das monatelange Warten, die endlosen Fragebögen – jetzt hast Du endlich Deine ADHS-Diagnose!
Sehr wahrscheinlich bist Du verdammt erleichtert, diesen Marathon hinter Dir zu haben und erklären zu können, weshalb Du bisher mit so vielen Dingen Schwierigkeiten hattest.
Also Ende gut, alles gut?
Nicht ganz. Denn jetzt beginnt ein neuer, aufregender Abschnitt auf Deiner ADHS-Reise. Und der kann ziemlich überwältigend sein, weil in kurzer Zeit unglaublich viele neue Dinge auf Dich einprasseln.
Aber keine Sorge: Du wirst das packen. Und insbesondere wirst Du merken, dass es Dir immer besser gehen wird, je mehr Du Dich neu kennenlernst. Die Reise ist vielleicht manchmal anstrengend, aber sie lohnt sich auf jeden Fall!
Hier findest Du eine Übersicht, was nun alles auf Dich zukommen kann. Die Liste ist bestimmt nicht vollständig, denn jeder Mensch mit ADHS erlebt diese Zeit nach der Diagnose individuell. Trotzdem hilft es enorm, einen Überblick zu haben, was schon viele andere in Deiner Situation beschäftigt hat.
Inhalt
Überanstrenge Dich nicht
Mein erster Rat, wenn Du frisch Deine Diagnose hast: Lass es ruhig angehen. Insbesondere, wenn Du Medikamente nimmst und feststellst, dass Du auf einmal alles mit viel mehr Konzentration als jemals zuvor machen kannst.
Aber warum solltest Du ausgerechnet jetzt langsam machen, wenn Du doch das erste Mal in Deinem Leben richtig produktiv sein kannst? Weil Du riskierst, Dich komplett zu verausgaben, wenn Du es übertreibst.
Du hast Dein Leben lang Mechanismen erlernt, um Deine ADHS auszugleichen und Dich anzupassen. Dein Masking war so gut, dass lange Zeit niemand auch nur vermutet hat, dass etwas nicht stimmen könnte.
Diese Maske legst Du aber nicht über Nacht ab. Mit der neu gewonnenen Konzentration und Leistungsfähigkeit ist es auf einmal sehr viel einfacher, genau dieses Masking aufrechtzuerhalten. Machst Du aber weiter wie bisher, findest Du Dich wahrscheinlich sehr schnell in derselben Situation wieder, in der Du vor Deiner Diagnose warst, nur auf einem noch höheren Leistungsniveau, das noch mehr Energie kostet.
Deshalb ist es wichtig, dass Du ganz bewusst Zeit einplanst, in denen Du Dich entspannst oder Dingen nachgehst, die Dir Spaß machen. Lerne Dich mit Deiner ADHS neu kennen, lege Stück für Stück die antrainierte Maske ab, und finde die Strukturen für Deinen Alltag, die gut zu Dir passen.
Das kann schwer sein, gerade für uns ADHSler. Viele von uns haben ihr Leben lang das Gefühl gehabt, bis zum Limit alles geben zu müssen, um wenigstens einen Teil von dem zu schaffen, was alle anderen leisten. Viele von uns kennen es gar nicht anders als immer alles zu geben, auch wenn es zulasten unserer eigenen Gesundheit war. Du lernst also nicht nur Dich selbst neu kennen, sondern auch zu hinterfragen, wie viel Einsatz zu viel ist und Dir schadet.
Medikamente
Medikamente sind ein sehr großes Thema, und leider werden viele Falschinformationen und Meinungen dazu verbreitet, die Betroffenen schaden.
Deshalb an erster Stelle: Ob Du Medikamente nimmst, ist Deine Entscheidung. Lass Dich von Deinem Facharzt beraten, der Dich betreut. Er kennt sich mit den verschiedenen ADHS-Medikamenten aus und hat ein Auge auf mögliche Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten (z.B. Antidepressiva).
ADHS-Medikamente sind auch kein „ganz oder gar nicht“. Einige Betroffene nehmen sie dauerhaft, andere nur in der Anfangszeit, wieder andere nur in Zeiten, in denen sie mehr Leistung bringen müssen.
Lass Dir bitte von keinem Influencer oder Coach einreden, dass die meisten ADHSler gar keine Medikamente brauchen, wenn sie ein bestimmtes Pilzpulver oder Zink/Omega3/ Vitamin D Supplement nehmen oder ein bestimmtes Coaching buchen. Ob Du welche Medikamente nimmst, solltest Du nur mit gründlicher Beratung durch einen Facharzt entscheiden, der Dich und Deine Situation kennt und tatsächlich weiß, wovon er spricht.
Viele ADHS-Medikamente sind Betäubungsmittel. Das macht sie aber nicht zu Drogen, mit denen ADHSler ruhiggestellt werden, die sich dopen oder high werden wollen. Es gibt unzählige Studien darüber, dass ADHS-Medikamente sehr wirksam sind, wenn sie richtig eingenommen werden, und nicht abhängig machen.
Dadurch, dass diese Medikamente aber Betäubungsmittel sind, musst Du ein paar Dinge beachten, z.B. wenn Du ins Ausland reisen willst oder Auto fährst.
Krankenkasse
Es ist absolut wichtig und richtig, dass die medizinische Versorgung über die Krankenkassen garantiert ist.
Es ist frustrierend und anstrengend, dass die Versicherungen Dich nicht zwingend proaktiv über Dinge informieren, die für Dich relevant sind. Die Infos stehen zwar auf ihren Websites, suchen und finden musst Du sie aber selbst. Dazu gehören:
Begrenzung der Zuzahlung für Medikamente
Bei vielen medizinischen Leistungen kommt eine Zuzahlung auf Dich zu. Diese liegt pro Kalenderjahr aber bei maximal 2% Deines Bruttoeinkommens.
Bist Du chronisch krank (benötigst also beispielsweise dauerhaft Medikamente), liegt die Zuzahlungsgrenze bei 1% des Bruttoeinkommens aller Mitglieder im Familienhaushalt.
Die Krankenkasse informiert Dich aber nicht automatisch, wenn Du diese Grenze erreichst. Du musst also alle Quittungen sammeln und einreichen. Damit die Quittungen eindeutig zugeordnet werden können, kannst Du beispielsweise in der Apotheke um eine Quittung bitten, auf der Dein Name steht.
Kostenerstattung für Selbstzahler Psychotherapie
Wenn Du nicht in einer angemessenen Zeit einen Platz bei einem Therapeuten mit Kassensitz erhältst, kannst Du die Übernahme der Kosten bei Therapeuten ohne Kassensitz beantragen. Voraussetzung dafür ist, dass Du vor Therapiebeginn in einer psychotherapeutischen Sprechstunde warst.
Du musst allerdings belegen können, dass Du Dich ernsthaft bemüht hast, einen freien Therapeuten mit Kassensitz zu finden, zum Beispiel indem Du protokollierst, wie viele Praxen Du angerufen hast. Einige Krankenkassen verlangen auch, dass Du über die Termin-Servicestelle mehrfach vergeblich versucht hast, einen Platz zu bekommen.
Halte also alle Bemühungen schriftlich fest und informiere Dich zuerst bei Deiner Krankenkasse, ehe Du eine Therapie beginnst und am Ende doch auf den Kosten sitzen bleibst.
Therapie
In Deutschland gibt es zu wenige Therapeuten mit Kassensitz. Und von diesen Therapeuten haben nur sehr wenige Ahnung von ADHS bei Erwachsenen. Die Suche nach einem Therapieplatz ist dementsprechend lang und kräftezehrend.
Lohnt sich eine Therapie dann überhaupt? Das kommt sehr auf den Einzelfall an.
Grundlegend hast Du Anspruch auf therapeutische Hilfe, wenn es Dir nicht gut geht. Damit Dein Therapeut Dir helfen kann, muss er aber verstehen, weshalb es Dir schlecht geht. Da ADHSler in vielen Bereichen anders ticken als neurotypische Menschen, funktionieren „normale“ Ansätze nicht so gut.
Gleichzeitig sammeln sich im Laufe des nicht diagnostizierten Lebens häufig weitere Probleme an, die sehr belastend sein können. Wer ein Leben lang maskiert hat, muss erst einmal Stück für Stück lernen, diese Maske abzulegen und herausfinden, wer er eigentlich ist. Auch Depressionen und Angststörungen sind leider keine Seltenheit.
Ob eine Therapie das Richtige für Dich ist, kannst am Ende aber nur Du entscheiden.
Berufsunfähigkeitsversicherung
Die Berufsunfähigkeitsversicherung, kurz BU, ist nach der Privathaftpflicht eine der wichtigsten Versicherungen. Kurz gesagt erhältst Du eine monatliche Rente, wenn Du Deinen aktuellen Beruf aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr ausüben kannst.
Das Problem: Sehr viele Versicherer nehmen keine Menschen mit einer ADHS-Diagnose an, da die Folgen einer ADHS meist als zu schlecht einschätzbar gelten. ADHS gilt dabei als Vorerkrankung, die Du ehrlich angeben musst, wenn die Versicherung Dich beim Abschluss der BU danach fragt. Verschweigst Du Vorerkrankungen, riskierst Du im Ernstfall keine BU-Rente zu erhalten.
Gleichzeitig ist eine BU aber nicht vollkommen ausgeschlossen, wenn Du eine ADHS-Diagnose hast. Dir stehen zwei Möglichkeiten offen:
- Wenn keine große Beeinträchtigung Deines alltäglichen Lebens besteht und Du im Idealfall keine Medikamente benötigst, gibt es bei einigen Versicherern die Möglichkeit, ADHS per Klausel aus der BU auszuschließen. In dem Fall würdest Du eine BU-Rente nur erhalten, wenn der Grund für Deine Berufsunfähigkeit nicht die ADHS ist.
- Fragt der Versicherer, ob Du in den letzten 10 Jahren wegen psychischer Probleme in Behandlung warst, kannst Du die BU abschließen, wenn dieser Zeitraum verstrichen ist. Vorausgesetzt natürlich, dass Du in diesen 10 Jahren nicht für ADHS behandelt wurdest.
Das ist nicht ideal, aber definitiv besser als keine BU abzuschließen.
In jedem Fall ist es sinnvoll, sich von Experten beraten zu lassen. Diese können auch anonyme Anfragen an Versicherer stellen. So erfährst Du, ob Du abgelehnt werden würdest, ohne dass Versicherer Deinen Namen gleich als „auf keinen Fall versichern“ im System speichern.
Job und Karriere
Bei ADHS im Berufsleben gibt es zwei Fragen, die immer wieder auftauchen: Muss ich meinem Arbeitgeber davon erzählen und kann ich auch mit ADHS verbeamtet werden?
Dein Verhältnis zu Chef und Kollegen
Ob Du Deinem Chef und Deinen Kollegen von Deiner Diagnose erzählst, ist Dir überlassen. Solange Deine ADHS Dich nicht daran hindert, Deinen Job so auszuführen, wie es im Vertrag festgehalten ist, musst Du sie nicht ansprechen.
Hast Du ein gutes Arbeitsumfeld, kann es sehr hilfreich sein, offen mit der Diagnose umzugehen. So kannst Du Erleichterungen im Arbeitsumfeld beantragen. Langfristig hilft es dem ganzen Unternehmen, wenn jeder Angestellte offen ansprechen kann, wie er möglichst produktiv arbeiten kann.
Leider hat nicht jeder Betroffene das Glück, in einem verständnisvollen Team zu arbeiten. Hier kann ein Mittelweg helfen: Beschreibe, auf welche Weise Du am besten arbeiten kannst, ohne Deine Diagnose zu erwähnen, z.B. „Ich kann mir Termine nicht gut merken. Deshalb ist es wichtig für mich, dass wir alle Termine in den Kalender eintragen, damit ich sie nicht vergesse.“
Verbeamtung trotz ADHS?
Strebst Du eine Verbeamtung an, ist ADHS kein automatisches Ausschlusskriterium. Solange Du offen bist und keine Informationen verheimlichst, steht die ADHS der Verbeamtung nicht per se im Weg. Verheimlichst Du eine ADHS-Diagnose und Begleiterkrankungen hingegen, kann dies sogar zur Aberkennung des Beamtenstatus führen.
Eine Depression wäre vermutlich eher ein Ausschlusskriterium, da sie mit höherer Wahrscheinlichkeit zu längeren Ausfällen in der Zukunft führt.
Dennoch gibt es einige Betroffene, die ihre ADHS-Diagnose bewusst erst nach der Verbeamtung angehen. Ebenso suchen sie sich oft keine therapeutische Hilfe bei Problemen, um ihre Karriere nicht zu gefährden. Das ist psychisch natürlich enorm belastend und keine gesunde Herangehensweise.