ADHS ist erfunden – das hat Leon Eisenberg selbst zugegeben!

Hat Eisenberg ADHS nur erfunden?

Leon Eisenberg (1922 bis 2009) wird gerne als Erfinder von ADHS bezeichnet, durch dessen Arbeit weltweit hunderttausende Kinder mit Drogen ruhiggestellt werden, damit sie sich artig ins System einfügen.

Uffa, harter Tobak. Gehen wir das einmal Schritt für Schritt durch.


ADHS ist seit über 2.000 Jahren bekannt

Die erste historische Erwähnung von ADHS-typischen Symptomen wurde 400 v. Chr. von Hippokrates verfasst. Er beschreibt einen Zustand, durch den der Patient “beschleunigte Reaktionen zu Sinneserfahrungen, aber auch weniger Hartnäckigkeit, weil die Seele schnell zum nächsten Eindruck weiterzieht” zeige. In diesem Artikel von adxs.org findest Du eine umfangreiche Liste solcher Erwähnungen von ADHS bzw. Symptomen, die ADHS sehr nahekommen.

Dein Gegenüber akzeptiert keine Quellen von Ärzten, die an die Vier-Säfte-Lehre geglaubt haben? Dann springen wir ins Jahr 1775. Hier beschrieb der deutsche Arzt Melchior Adam Weikard den „Mangel an Aufmerksamkeit“. Und zwar fast 150 Jahre, bevor der vermeintliche Erfinder von ADHS überhaupt geboren wurde. Eine übersichtliche Auflistung der ADHS-Erwähnungen in der Geschichte liefert dieses Paper.

nach oben


Leon Eisenberg „erfindet“ ADHS

Gut, wir wissen jetzt, dass ADHS schon über 2.000 Jahre bekannt war. Bzw. schon vor 250 Jahren, wenn wir uns an Weikard statt an Hippokrates halten. In beiden Fällen lange, bevor Eisenberg überhaupt geboren wurde.

Was Eisenberg allerdings gemacht hat, war sich 1967 gemeinsam mit Mike Rutter dafür einzusetzen, dass ADHS in das DSM aufzunehmen. Das DSM enthält ebenso wie das ICD exakte Beschreibungen von Krankheiten. Die klar definierten Kriterien helfen Ärzten dabei, Symptome zu verstehen und Krankheiten richtig zu diagnostizieren. Dass ADHS in das DSM aufgenommen wurde, war also ein enorm wichtiger Schritt für alle Betroffenen.

Was bedeutet DSM?

DSM ist die Abkürzung für „Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders“. Auf Deutsch also das „Diagnostische und Statistische Handbuch Psychischer Störungen“.

Die aktuelle Version ist das DSM-5, also die fünfte Auflage des DSM. Sie erschien im Jahre 2013.

Was bedeutet ICD?

ICD ist die Abkürzung für „International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems“. Auf Deutsch in etwa „Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme“. Alle enthaltenen Krankheiten haben einen Schlüssel, den „OPS-Code“, der weltweit gültig ist.

Die aktuelle Version ist das ICD-11, die 2018 erschien und 2022 in Kraft trat. Es besteht eine 5-jährige Übergangsfrist, während der beide Versionen gültig sind. In Deutschland wird noch nach dem ICD-10 verschlüsselt, bis das ICD-11 gültig ist. Auf gesund.bund.de erfährst Du mehr darüber, wenn Du neugierig bist.

Aber wie kam es zu Eisenbergs Aussage im Jahr 2009, 7 Monate vor seinem Tod, dass ADHS eine erfundene Krankheit sei? Es geht insbesondere um dieses Zitat: „ADHD is a prime example of a fictitious disease.“, auf Deutsch „ADHS ist ein Paradebeispiel für eine fabrizierte Krankheit.“

Klingt erst einmal eindeutig. Allerdings haben wir hier ein großartiges Beispiel für ein aus dem Kontext gerissenes Zitat.

nach oben


Eisenberg übt Kritik an vorschnellen Diagnosen

Was hat Eisenberg denn wirklich gemeint? Dass seiner Ansicht nach zu viele Kinder einfach diagnostiziert werden. Sie bekommen Medikamente, ohne dass ihr Arzt sie zuvor ausreichend untersucht hat. Eisenbergs Aussage war eine Reaktion auf einen vierzigfachen Anstieg der ADHS-Diagnosen bei Kindern.

Eisenberg kritisierte also, dass viel zu viele Kinder, die irgendwie auffällig waren, pauschal mit ADHS diagnostiziert und mit Ritalin versorgt wurden. Und das sogar dann, wenn sie gar keinen ungewöhnlichen Dopamin-Haushalt hatten. Er hat also gar nicht ADHS in Zweifel gezogen. Er hat die Ärzte kritisiert, die sich das Leben mit leichtfertig gestellten Diagnosen einfach machen.

Die Gefahr eines Missbrauchsrisikos bei Diagnosen ohne ausreichende Untersuchung hat er übrigens schon 1972 im „New England Journal of Medicine“ angesprochen.

nach oben


Eisenberg kritisiert auch die eigenen Methoden

Eisenberg nimmt nicht in Anspruch, als einziger die Wahrheit über ADHS zu kennen. Das zeigt sein geschichtlicher Überblick von ADHS seit den 1940ern von 2007 im „Journal of Child and Adolescent Psychopharmacology“ .

Darin kritisiert er, dass die beruhigende Wirkung von Stimulanzien auf Kinder mit ADHS als Beweis für eine korrekt gestellte ADHS-Diagnose betrachtet wird. Er führt auf, dass zwei Studien von Judith Rapoport in den 1970ern deutlich zeigen, wie falsch diese Annahme ist: Sie testete die Wirkung des Stimulanz Dexamfetamin auf Kinder und erwachsene Männer ohne ADHS. Wie Eisenberg schreibt: „alone of all of us with the insight and the courage to do it!”

Das überraschende Ergebnis von Rapoports Studien war, dass der Wirkstoff bei allen Testpersonen die motorische Aktivität senkt, die Wachsamkeit erhöhte und die Leistung bei Lernaufgaben verbesserte.

Aber – Du hast es gerade wahrscheinlich auch selbst gemerkt – Eisenberg sagt nach wie vor nicht, dass es ADHS nicht gibt. Ebenso bestreitet er nicht, dass Menschen mit ADHS von der Einnahme von Stimulanzien profitieren können.

nach oben


Medien gießen Öl ins Feuer

In Deutschland Fahrt aufgenommen hat der Irrglaube der erfundenen Krankheit dann 2012. Unter anderem mit zwei Artikeln, die der Spiegel und die FAZ veröffentlichten.

An beiden Artikeln stört mich, dass sie nichts mit neutraler Berichterstattung zu tun haben. Sie zeichnen ziemlich offensichtlich ein sehr einseitiges Bild: polemische Ausdrücke, das Abzielen auf emotionale Reaktionen beim Leser und das Ignorieren der Erfahrungen von Betroffenen.

nach oben


Spiegel: Schwermut ohne Scham

Im Februar 2012 brachte der Spiegel einen langen Artikel heraus, in dem auch Eisenberg Erwähnung findet: „Schwermut ohne Scham“

Der Spiegel zeichnet dabei so ziemlich genau das Bild, das auch heute noch in zu vielen Köpfen herumgeistert: Der Wissenschaftler, der Kinder mit Drogen ruhigstellt, aber dies im hohen Alter bereut.

Dabei fängt der Artikel vielversprechend mit der Schwierigkeit an, psychische Erkrankungen klar zu definieren – ab wann welchem Punkt ist Schüchternheit eine soziale Phobie? Von dort geht es dann aber leider weiter zu der Schlussfolgerung, dass wenn alles nur Definitionssache ist, Ärzte und Pharmaindustrie einfach neue Störungen erschaffen können. Und ja, auch ich sehe es eher kritisch, wenn ohne medizinischen Unterbau und Forschungsarbeit Dinge wie das „Sissi-Syndrom“ entstehen.

Aber an dieser Stelle driftet der Artikel in die falsche Richtung ab. Da wird kritisiert, dass 2012 im DMS-IV fast 400 psychische Krankheiten enthalten sind, obwohl das DMS nach dem zweiten Weltkrieg nur 26 enthielt. Was eigentliche eine vollkommen logische Entwicklung ist, wenn das Verständnis psychischer Krankheiten wächst. Auch mäkelt der Artikel, dass ja bald niemand mehr psychisch gesund sein dürfe. Und dann geht es direkt zu Eisenberg, der an schwierigen Schülern Psychopharmaka gegen die angebliche Hirnstörung ausprobierte, um sie gefügig zu machen.

nach oben


FAZ: Wo die wilden Kerle wohnen

Ebenfalls im Februar erschien in der FAZ der Artikel „Wo die wilden Kerle wohnten“, in dem es um die „Inflation von ADHS-Diagnosen“ geht. Es wird als bequeme Ausrede von Eltern dargestellt, schwierige Kinder einfach als krank diagnostizieren zu lassen, damit sie sich selbst nicht mehr verantwortlich fühlen müssen. In dem beschriebenen Fallbeispiel geht es um eine Mutter, die möchte, dass ihr Sohn mit ADHS auch nach der Schule noch Ritalin bekommt, damit er in der Leistungsgesellschaft „ganz vorne mitschwimmen“ kann.

Eisenberger wird klar „Erfinder von ADHS“ bezeichnet, der inzwischen an seiner früheren Arbeit zweifelt und er nicht mehr an ADHS glaubt. Es kommt auch Professor Glaeske zu Wort, der ADHS als Zuschreibungsdiagnose beschreibt, die wegen des gesellschaftlichen Drucks gestellt wird, um die Einnahme leistungssteigernder Mittel zu legitimieren. Womit Glaeske eigentlich genau dieselbe Meinung wie Eisenberg vertritt: Dass Ärzte mit vorschnellen Diagnosen das Problem sind, nicht ADHS. Und natürlich darf auch der Hinweis nicht fehlen, dass die Pharmaindustrie mit Ritalin viel Geld verdient.

In meinen Augen sehr bitter: Am Ende geht es um Eltern, die ihrem Sohn kein Ritalin geben wollen. Sie wollen ihm nicht vermitteln, dass er falsch wäre, nur durch Medikamente zu ertragen ist oder es nur auf gute Zensuren ankommt. Wirklich gut geht es dem Sohn damit allerdings nicht: Er schaffte es nur mit Mühe aufs Gymnasium, hat kaum Zeit für Freunde, weil er sehr lange für die Hausaufgaben braucht und macht sich Sorgen um seine Zukunft. Das Schlusswort hat aber die Mutter, die gar nicht versteht, weshalb man einen Freigeist, der aus der Norm ausbricht, zurecht therapieren will.

nach oben


ADHS ist nicht erfunden – die Ablehnung von ADHS schon

Wenn uns dieser lange Ausflug zu Eisenbergs Arbeit und schlechtem Journalismus eines zeigt, dann dass es unglaublich wichtig ist, wissenschaftliche Erkenntnisse korrekt wiederzugeben. Mit aus dem Kontext gerissene Zitate und emotional aufgeladene Artikel tut man Betroffenen keinen Gefallen. Denn wir ADHSler müssen nicht nur damit kämpfen, in einer neurotypisch geprägten Welt zurechtzukommen. Gleichzeitig müssen wir auch noch gegen einen weiteren Dauerbrenner unter den Vorurteilen ankommen.

Aber wenn Du das nächste Mal zu hören kriegst, dass der Erfinder von ADHS den Schwindel zugegeben hat, hast Du nun zumindest das nötige Hintergrundwissen, um Deinem Gegenüber mit Fakten zu begegnen.


Wie oft bist Du schon diesem Irrglauben begegnet, und wie hast Du darauf reagiert? Ich bin wahnsinnig neugierig – verrate es mir in den Kommentaren!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Cookie Consent mit Real Cookie Banner